Sprachliches und Sprachwissenschaftliches von Hans-Georg Müller

Zwillingsformeln

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Adleraug und Luchsenohr - Deutsche Zwillingsformeln und ihr Gebrauch

Adleraug und Luchsenohr ist eine (sprachliche) Zwillingsformel. Durch koordinative Verknüpfung zweier Ausdrücke entsteht hier ein neuer Gesamtausdruck. Konkret bedeutet er im Kontext „über Adleraug und Luchsenohr verfügen“: Wer das Auge eines Adlers und das Ohr eines Luchses hat, vermag scharf zu sehen und zu hören. Doch hat der Ausdruck eine ganz besondere (übertragene) Bedeutung: Es handelt sich um eine regeltechnische Zauberformel zur Hellsichtigkeit und zur Hellhörigkeit (in der ursprünglichen Bedeutung dieses Wortes), sie soll die Sinne des Magiers schärfen („Adleraug und LuchsenohrMein scharfer Sinn die Welt durchbohr!“).

     In der Redensart „Augen und Ohren aufsperren/offen halten“ geht es bei Augen und Ohren nicht um eine Aufzählung von Körperteilen, sondern um die Empfehlung, Acht zu geben, aufzupassen, etwas aufmerksam zu verfolgen. In diesem Sinn ist der Ausdruck eine Zwillingsformel oder wie man auch sagt: eine Paarformel oder ein Hendiadyoin, die bzw. das „eines (nämlich das Achtgeben) durch zwei (durch Augen und Ohren)“ ausdrückt. So verhält es sich auch bei ,blind und taub‘. Vordergründig handelt es sich um zwei körperliche Gebrechen, aber im Kontext „blind und taub durchs Leben gehen“ darum, dass man – ohne jegliches Interesse für seine Umgebung und ohne sich um was zu kümmern – einfach so dahin„lebt“.

     Zu einer Zwillingsformel kann es mehrere Kontexte geben. Das zeigt das Beispiel Mann und Maus. Man kann mit Mann und Maus untergehen, aber auch etwas angehen, eine Arbeit anpacken, eine Bastion verteidigen und beim Fußball mit Mann und Maus „hinten drinne stehen“. Eine Firma kann auch eine andere ,mit Mann und Maus übernehmen‘, sozusagen schlucken. ,Mann‘ versteht man, aber ,Maus‘? ,Maus‘ entstand aus dem niederländischen ,meisje‘, auf Deutsch ,Mädchen‘. Und schon erschließt sich die Bedeutung der Paarformel.

     Woher kommen Zwillingsformeln wie (mit) Bausch und Bogen, (außer) Rand und Band, Krethi und Plethi, Blut und Eisen, Brot und Spiele, (durch) dick und dünn, Donner und Doria, Emil und Franz, gang und gäbe, Amboss und/oder Hammer, (auf) Biegen und/oder Brechen, Knall auf Fall, Frosch im Hals, Gewehr bei Fuß, Friedrich Wilhelm, Barbar, Bonbon, Charivari, Dumdum, Dvandva, (aus dem) Effeff, ein X für ein U, dalli dalli, pinke pinke futschi futschi, Griesgram, Hackmack, Hannemann, Harakiri, Hinz und Kunz, hokus pokus, Kamikaze, Kind und Kegel, klammheimlich, larifari, Menetekel, Muckefuck, mutterseelenallein, Niednagel, Pipapo, Purpur, Rambazamba, (in) Sack und Asche, sakrosankt, Schlampampe, Schrot und Korn, (zwischen) Scylla und Charybdis, simsalabim, Sodom und Gomorrha, Spitz auf Knopf, Stein auf/und Bein, (nach) Strich und Faden, Tamtam, Tête-à-tête, Tingeltangel, Tohuwabohu, Wischiwaschi, Zeichen der Zeit?

     Diese wenigen Beispiele zeigen einige Facetten des Begriffs der Zwillingsformel auf. Darzustellen, dass es weit mehr Eigenheiten gibt, hat sich das vorliegende Buch zur Aufgabe gemacht. Es behandelt Fragen wie: Was sind Zwillingsformeln? Welche Verknüpfungen zwischen den Wörtern sind möglich? In welchen Kontexten werden sie verwendet? Welche Bedeutungen ergeben sich? Was macht sie so beliebt? Wie kamen bzw. kommen sie zustande? Gibt es Regeln oder Tendenzen, nach denen sie gebildet werden? Warum sagt man Mann und Maus und nicht umgekehrt Maus und Mann? Warum sagt man Dank und Anerkennung und nicht Anerkennung und Dank. Warum sagt man Freud und Leid und nicht Freude und Leid? Warum heißt es ,mit allem Drum und Dran‘ und nicht ,mit allem Dran und Drum‘? Warum Hänsel und Gretel und nicht Gretel und Hänsel? Gibt es Zwillingsformeln auch in anderen Sprachen?

     All diesen Fragen wird hier nachgegangen und zwar bei etwa zweitausend Formeln, die der Autor sorgfältig gesammelt, tabellarisch geordnet, erläutert und wissenschaftlich analysiert hat. Die Analyse zeigt, dass phonologische, prosodische, morphologische, syntaktische und pragmatische Aspekte eine wesentliche Rolle spielen.

     Während im ersten Teil des Werkes (etwa ein Fünftel des Umfangs) die Analyse erfolgt, listet der zweite Teil die Paarformeln mit ihren Kontexten, Ursprüngen und Erläuterungen in der Weise auf, dass Erst- und Zweitausdruck (wie in einem üblichen Wörterbuch) in alphabetischer Reihenfolge stehen und die Zwillingsformel unter dem Erstausdruck zu finden ist, der Zweitausdruck aber auf den Erstausdruck verweist, so dass auch über jenen die zugehörige Zwillingsformel gefunden werden kann. Diese Abhandlung ist nicht nur ein übersichtliches Nachschlagewerk und eine unterhaltsame Fundgrube, sondern schließt zugleich eine sprachwissenschaftliche Lücke.

Weitere Beispiele:

Zwillingsformel

Zwillingsformel im bzw. in einem Kontext

Mann und Maus

mit Mann und Maus untergehen/etwas anpacken

Feuer und Flamme

für etwas/für jemanden Feuer und Flamme sein

Sack und Pack

mit Sack und Pack ausziehen/verschwinden

rühren und regen

sich rühren und regen

einsam und verlassen

einsam und verlassen sein/sich vorkommen

null und nichtig

null und nichtig sein

nach und nach

etwas geschieht nach und nach

Männlein oder Weiblein

nicht mehr wissen, ob man Männlein oder Weiblein ist

wohl oder übel

man muss etwas wohl oder übel tun

weder Maß noch Ziel

weder Maß noch Ziel kennen

Hand in Hand

mit etwas Hand in Hand gehen

Hals über Kopf

Hals über Kopf davonrennen

Knall auf Fall

sich Knall auf Fall verlieben

Null für Null

etwas geht Null für Null auf

Zug um Zug

etwas Zug um Zug realisieren

locker vom Hocker

locker vom Hocker agieren

Teller und/aus Silber

von Tellern und/aus Silber essen, von silbernen Tellern

rüber wie nüber

das ist rüber wie nüber

erstunken als erfroren

lieber erstunken als erfroren

Spiel der Spiele

heute findet hier das Spiel der Spiele statt

Messers Schneide

etwas steht auf (des) Messers Schneide

Dienst ist Dienst

Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps

Krimskrams

die Wohnung ist voller Krimskrams

Kuddelmuddel

was ist das nur  für ein Kuddelmuddel!

igittigitt

igittigitt, wie siehst du bloß aus!

schwuppdiwupp

das geht schwuppdiwupp

Kleinklein

im Kleinklein des Alltags geht manches unter

 Außer einer Auflistung sind in der vorliegenden Abhandlung folgende Gesichtspunkte berücksichtigt:

a.    eine möglichst präzise Definition,

b.    eine Abgrenzung gegenüber ähnlichen sprachlichen Formen und Fügungen,

c.    die Einbettung in andere sprachliche Formen (Kontexte),

d.    ein ausreichend großes Korpus,

e.    die Arten der Bedeutung,

f.     Aussagen über die Bildung, das Zustandekommen,

g.    Angaben über die Quelle und Historie, sofern möglich,

h.    Anwendungen in der Rede,

i.     Beispiele in Texten, speziell in der Literatur,

j.     Regeln über die Erzeugung oder zumindest Tendenzen für ihre Bildung,

k.    verwendete Wortarten und Konjunktoren,

l.     das Auftreten in anderen Sprachen: ein Blick über den „deutschen Zaun“.

Inhaltsverzeichnis

1  Was darf man von einem Werk über deutsche Zwillingsformeln erwarten und was nicht?

2  Was sind Zwillingsformeln? Vorläufige Abgrenzung

3  Definition, Eigenschaften und Beispiele

                3.1  Definition

                3.2  Formale Eigenschaften

                                3.2.1  Doppelungsarten

                                3.2.2  Zweck der Zwillingsformeln

                                3.2.3  Einbettung in Kontext

                                3.2.4  Grauzone

                                3.2.5  Unikale Komponenten

                3.3  Weitere Indizien für das Vorliegen einer Zwillingsformel

4  Weitere Abgrenzungen zu Zwillingsformeln

                4.1  Wortzusammenstellungen/Wortpaare/Aufzählungen

                4.2  Wiederholungen eines Wortes

                4.3  Verstärkende, präzisierende Wortzusammensetzungen

                4.4  Kopulativkomposita

                4.5  Portmanteau-Wörter

                4.6  Ratschläge

                4.7  Zeugmata

                4.8  Redensarten/Idioms

                4.9  Gemeinplätze

                4.10 Sprichwörter

                4.11 Zitate

4.12 Geflügelte Worte

                4.13 Genitivkonstruktion

                4.14 Auseinanderdividieren einer Zwillingsformel

5  Verwendung der Zwillingsformeln

                5.1  Prinzip der Gleichheit bzw. Gleichrangigkeit

                5.2  Bedeutungshierarchie

                5.3  Wörtliche und übertragene Bedeutung

6  Weitere formale Eigenschaften der Zwillingsformeln

                6.1  Wortarten

                6.2  Formale Verbindung zwischen den Wörtern

                6.3  Semantische Modelle

                                6.3.1   Bloße Aneinanderfügung gleicher Wörter ohne Konjunktor: „X (,) X“

                                6.3.2   Aneinanderfügung ungleicher Wörter ohne Konjunktor: „X (,) Y“

                                6.3.3   Koordinative Binomiale: „X und/oder/wie/weder ... noch/aber/ ...Y“

                                6.3.4   Koordinative Zwillingsformeln: „X und/oder X“

                                6.3.5  Modell „X um/für/wie X“

                                6.3.6  Modell „von X zu X“

                                6.3.7   Modell „von X bis/auf/zu/nach Y“

                                6.3.8  Komparative Zwillingsformeln: „X wie/als Y“

                                6.3.9  „Tautologische“ Zwillingsformeln: „X ist/sind X“

                                6.3.10 Modell „X ist/sind Y“

                                6.3.11 Aneinanderfügung gleicher Wörter mittels Präposition: „X Präp X“

                                6.3.12 Aneinanderfügung ungleicher Wörter mittels Präposition: „X Präp Y“

                                6.3.13 Genitivkonstruktion

                                6.3.14 Adjektiv-Nomen-Konstruktion

                6.4  Reihenfolge„freiheit“ (Umstellbarkeit, Permutation)

                6.5  Drillings- oder Dreierform(el), Mehrlingsformeln

7  Regeln/Tendenzen

                7.1  Einfluss der Vokale

                                7.1.1  Zwillingsformel-Gruppen I und II

                                7.1.2  Vokal-Kontrastmatrix

                                7.1.3  Untersuchung zu Gruppe I und II

                                7.1.4  Vokalregeln

                                7.1.5  Exkurs: Silbenstruktur im Deutschen

                                7.1.6  Fortsetzung: Vokalregeln

                7.2  Einfluss der Silbenzahl

                                7.2.1  Korpus nach Silbenkombination

                                7.2.2  Silbenstatistik und Silbenregeln

                7.3  Vokal- vs. Silbenzahleinfluss

                7.4  Einfluss des Silbenvorlaufs

                7.5  Einfluss der Nukleusgröße

                7.6  Semantisch-pragmatische Ordnungen

                7.7  Besonderheiten

                                7.7.1  m-Reduplikation

                                7.7.2  Onomatopöien und Interjektionen

                7.8  Sonoritätshierarchie

                7.9  Restuntersuchung

                7.10 Beispiele zur Regelfolge

                7.11 Wortakzent bei Binomialen

8  Zusammenfassung und Ausblick

9  Erläuterungen zur Tabelle deutscher Zwillingsformeln

10 Tabelle deutscher Zwillingsformeln

11 Einige Zwillingsformeln in Fremdsprachen

                11.1  Lateinisch

                11.2  Französisch

                11.3 Englisch

                11.4  Türkisch

                11.5  Japanisch

                11.6  Italienisch

                11.7  Spanisch

                11.8  Russisch

                11.9  Altgriechisch

                11.10 Neugriechisch

                11.11 Koreanisch

                11.12 Chinesisch

                11.13 Weitere Sprachen

12 Quellenangaben

13 Abkürzungen

Musterseiten
Musterseite S. 164
Musterseite S. 165
 

"Adleraug und Luchsenohr - Deutsche Zwillingsformeln und ihr Gebrauch", Hans-Georg Müller, Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, 2009, 579 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-631-59764-4,
in Linguistik International, Herausgeber: H. Weber, S. Beckmann, A. P. ten Cate, W. Kürschner, K. Sroka, I. Warnke, L. Zybatow, Band 22, Peter Lang, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien.

Das Buch kann beim Verlag oder im Buchhandel bezogen werden.


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